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Ich mag Schnecken, sehr sogar. Ich freue mich, wenn ich ab und zu einmal Tiere finde, die ich noch nicht kenne. Als im Frühling 1997 die Deutsche Post fünf Exemplare einer mir bis dahin unbekannten Art brachte verstand ich die vorsichtige Warnung des Vorbesitzers noch nicht ganz, aber dann ... doch der Reihe nach.

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Liste Die Vorgeschichte
Liste Die Ereignisse
Liste Inzwischen Gelerntes
Liste Angelesenes
Liste Es grünt wieder ...
Liste Literatur, Anmerkungen, Links und mehr Bilder

 

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Die Vorgeschichte

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Befruchtung

Schnecken wurden mir bisher nur in neu eingerichteten Aquarien lästig – aber die anfänglich hohe Populationsdichte nahm von selbst wieder ab mit der Einrichtungsdauer der Aquarien und mit der Anzahl der hinzugekauften Harnischwelse. In meinem 200 Liter fassenden Tanganjika-Aquarium setzte ich z.B. erfolgreich Posthornschnecken zur Kieselalgenbekämpfung ein. Turmdeckelschnecken leben in Massen in allen meinen Aquarien und graben den Bodengrund durch. Schaden an Pflanzen durch Gehäuseträger entstand nie, auch nicht durch Schlammschnecken (es gibt Berichte, nach denen sie sich ab und zu an Pflanzen vergreifen). Für mich waren Schnecken nützliche, aber uninteressante Mitbewohner meiner Fische.

Das änderte sich jedoch durch die später als Marisa cornuarietis (Linnaeus, 1758) identifizierten Neuankömmlinge.

Von den fünf asymmetrisch diskusförmigen Schnecken, die ich in dem Päckchen fand, waren vier Gehäuse braun/gelb gestreift (4-6 Streifen) mit mehr dunklen Streifen auf der stärker gewölbten Seite und ansonsten individueller Zeichnung, eines war gelblich mit leicht dunkelgelben Streifen, die Form völlig identisch. Alle Gehäuse waren rechtsdrehend. Farbe und Zeichnung der fünf erinnerten an verschiedene Apfelschneckenarten. Alle hatten einen gelben Körper mit einem raubtierähnlich wirkendem, braunen Fleckenmuster, einen Deckel zum Verschließen der Gehäuseöffnung und sahen sehr apart aus. Einen Namen für die Tiere kannte der Sender nicht, vermutete aber als Ursprung Mittelamerika. Die Endgröße sollte etwa die eines Fünfmarkstückes sein. Außerdem sei in bepflanzten Aquarien Vorsicht geboten ... .

 

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Die Ereignisse

Ich setzte sie zunächst in zwei verschiedene Becken, die sie nach ein bis zwei Tagen erkundeten. In den folgenden Wochen schien alles in Ordnung, die Tiere wuchsen sichtlich und schienen sich wohl zu fühlen. Nach vier Wochen fand ich den ersten Laichballen.

Dann wunderte ich mich langsam über sichtlich angenagte Pflanzen und hatte zunächst kurz zuvor erworbene Harnischwelse in Verdacht. Die Schäden waren nicht schlimm, und während der nächsten zwei, drei Monate änderte sich das auch nicht. Meine Becken und ich waren inzwischen vollständig von den neuen Mitbewohnern eingenommen.

Darauf hatten die Biester nur gewartet und zeigten ihr wahres Gesicht - je mehr der Tiere schlüpften und wuchsen, desto zerrupfter sahen meine Aquarienpflanzen aus. Das begann plötzlich und endete plötzlicher, weil ich alles gelb und gelb/braun gestreifte einsammelte und bis auf wenige Exemplare in meinem Tanganjika-Aquarium unterbrachte. Wider Erwarten erging es ihnen dort prächtig. Zwar waren Fühler und Atemrohr selten zu sehen, aber sie wuchsen schneller als je zuvor. Regelmäßig Posthornschnecken fressende Barsche waren offensichtlich keine Gefahr.

Da das neue Aquarium mit barschgeeigneten Pflanzen besetzt war und ich die Barsche gut fütterte, befürchtete ich hier keinen Schneckenfraß. Weit gefehlt. Zunächst wurde innerhalb weniger Stunden ein prächtiger Hornkautbestand "niedergemacht". Nur der Mitteltrieb blieb übrig. Am Tag darauf waren die Valisnerien plötzlich verschwunden, weil die Blätter direkt am Ansatz abgenagt wurden (wirkt wie die Entblätterung eines Salatkopfes). Alle Anubias spec., sowie verschiedene Cryptocorynen landeten im Laufe der nächsten Monate im Magen der Schnecken, ein Versuch mit einer Kalmus-Art scheiterte (siehe Fotos). Echinodorus parviflorus hielt sich lange tapfer, die Echinodorus spec. grisebachii und ein Aponogeton spec. blieben erstaunlich lange intakt, aber auch sie verschwanden schließlich. Selbst Javafarn hatte langfristig keine Chance. Wie scharf die Zunge ist, beweisen als Laichplatz für Fische eingebrachte Bambusröhren – selbst sie werden innerhalb weniger Monate dünn und löcherig.

Nach Andreas Karge bleiben Gymnocoronis (falscher Wasserfreund) und Echinodurus latifolius von Marisa-Fraß lange verschont.

 

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Inzwischen Gelerntes

Die Gefräßigkeit macht die Tiere keineswegs zu ungeeigneten Aquarium-Mitbewohnern. Im Gegenteil - sie fressen wie die meisten Schnecken Aufwuchs, abgestorbene Pflanzenteile und Aas, aber alles weitaus schneller und gründlicher als andere von mir beobachtete Schneckenarten. Ab und zu vermisse ich einen Fisch, in von Marisa cornuarietis bewohnten Aquarien finde ich nicht einmal Überreste! So sind sie die ideale Gesellschaft für pflanzenmordende Salmler, ostafrikanische Buntbarsche etc. und eine fleißige Gesundheitspolizei. Versuche mit sehr kleinen Exemplaren in Aufzuchtbecken bzw. zur Aufzucht verwendeten Ablaichkästen sind ermutigend - Jungfische werden nicht gefressen, die Kästen sind nach dem Schneckenbesuch blitzblank.

Mögliche Freßfeinde wie Labyrinthfische, schneckenfressende Barsche (Neolamprologus leleupi, N. tretochephalus) oder andere Barsche der afrikanischen Grabenseen gefährdeten den Bestand nicht. Daß Fische am Atemrohr zupfen konnte ich nicht beobachten. Leere Häuser fand ich sehr, sehr selten. Nach einigen Jahren hatten die meisten Schnecken ein rein gelbes Gehäuse. Deshalb gehe ich davon aus, daß zumindest Jungtiere von Fischen verspeist werden und dabei vor allem die im Haltungsaquariun auffälligeren, braun gestreiften betroffen waren.

Am besten wachsen und vermehren sich die Schnecken in Aquarien mit häufigem Wasserwechsel, viel Strömung, Sauerstoff und folglich auch Dendritus (Aufwuchs). Dendritus genügt neben Futterresten eine Zeitlang als Nahrung (aber nicht mehr, wenn die Populationsdichte steigt). Ausnahmen bestätigen die Regel, Hornkraut (Ceratophyllum demersum) und Nixkraut (Najas spec.) zählen zu ihren Lieblingsspeisen. Eine konsequente, regelmäßige Spezialfütterung mit frischem (!) Pflanzenfutter; vorzugsweise weich (überbrühter Salat, Spinat, Löwenzahn) hält die Schäden ebenfalls für einige Zeit in Grenzen. Eine Garantie gibt es nicht. Die Futtermengen, die die Aquarienbepflanzung zumindest zeitweilig erhalten müssen so groß sein, daß sich dadurch unweigerlich entweder die Wasserqualität verschlechtert oder häufige, große Wasserwechsel erforderlich sind (ab 2 mal wöchentlich 50% oder mehr)

Beim Vorbesitzer hielten sie sich nicht, obwohl die Lebensbedingungen im Prinzip stimmten - allerdings hat er weiches Wasser. Das mögen Schnecken allgemein nicht so sehr, weil die nötigen Mineralien (vor allem Kalzium) zum Gehäuseaufbau darin fehlen [6]. Wenn das der Grund ist, dann helfen zerstoßene Eierschalen im Schneckenfutter. Ich habe Apfelschnecken gesehen, die so ernährt waren und beeindruckende Ausmaße, sowie ein unglaublich stabiles Gehäuse entwickelten. Nach meinen Beobachtungen ist eine vielseitige Ernährung erforderlich, um sehr schön gleichmäßig gewachsene, hornige Gehäuse zu erzielen. Außerdem scheinen Jungschnecken eine Anpassung an die Wasserverhältnisse zu entwickeln und richten ihre Gehäuseentwicklung ihr Leben lang danach aus. Umsetzen von hartem in weiches Wasser (und umgekehrt) ist nicht unproblematisch.

Unterscheidung der Geschlechter

Marisa cornuarietis ist kein Hermaphrodit wie viele andere Schneckenarten. Trotzdem setzen weibliche Tiere in "Einzelhaft" noch einige befruchtete Gelege ab, da sie Sperma speichern können. Die Schlupfrate nimmt dabei schnell ab, Selbstbefruchter wie manche anderen Schneckenarten (z.B. Pomacea bridgesii) sind sie wohl nicht. Die Geschlechter lassen sich im Vergleich leicht unterscheiden. Bei geschlossenem Gehäusedeckel fällt die stärkere Wölbung eines männlichen Gehäuses auf, dessen Geschlechtsapparat viel Platz braucht (siehe Foto – links die Dame, rechts der Herr). Außerdem habe ich bei männlichen Tieren einen deutlich dunkleren Fuß beobachtet – aber das kann Zufall sein. Beide Beobachtungen konnte ich u.a. nach dem Trennen der beiden Tiere auf dem Foto oben bestätigen [13]. Paarungen kann ich selten beobachten, vielleicht finden sie nachts statt. Dann sind diese beiden, die ich sehr früh morgens fand, nicht rechtzeitig fertig geworden.

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Laichballen

Der Laichballen ist eine gallertige Masse, an der Dekoration aufgehängt, und enthält ungefähr 30 bis 50, 2 bis 3 mm große Laichkörner. Um einzelne Gelege herum sind manchmal einige Eier an einem etwa 10 mm langen Faden aufgehängt. Die Entwicklung von Laichkorn zur fertigen Schnecke dauert etwa 10 Tage. Ein frisches Gelege enthält milchig aussehende Eier von 1 mm Durchmesser, die innerhalb eines Tages aufquellen und dann durchsichtig sind, mit einem milchigen Punkt darin. Dabei ist die Gallerthülle besonders stabil. Die wie winzigkleine, hellbraune Apfelschnecken aussehenden Jungtiere wandern in den letzten Tagen vor dem Schlupf in der Gelegehülle umher. Einer knappe Woche nach dem Schlupf gibt es bereits erhebliche Größenunterschiede, die größten entwickeln schon ein tellerförmiges Gehäuse und sind i.d.R. gestreift (ungefähr jedes achte bis zehnte Tier hat ein einfarbiges, gelbliches Gehäuse). Bevorzugt hält sich der Nachwuchs unter der Wasseroberfläche in den Schwimmpflanzen auf. Der kleine Laichballen auf dem Foto ist knapp einen Tag alt und hat sich beim Wasserwechsel von der Dekoration losgerissen.

Besonders viele Laichballen finde ich immer zwei Tage nach einer "Raubtierfütterung" - alle ein bis zwei Wochen entsorge ich etwa einen Liter beim Wasserwechsel anfallende Pflanzenabfälle aus andern Aquarien als Scheckenfutter. Das sind überwiegend Wasserlinsen (Lemna minor) und Büschelfarn (Salvinia auriculata), sowie verschiedene schnellwachsende Stengelpflanzen – alles ist nach spätestens 4 Tagen verschwunden. Zeitweise hatte ich Probleme mit Blaualgen in meinem größten Aquarium, und alle Schwimmpflanzen waren an der Unterseite mit blauem Schleim verklebt. Meine Marisas fressen selbst diese Pflanzen vollkommen unbeeindruckt, für sie zählt offensichtlich nur die Konsistenz der Nahrung, und die ist nur für die Reihenfolge des Fressens wichtig.

Futterreste der Fische und Dendritus sind die Hauptnahrung meiner Schnecken im pflanzenfreien Aquarium. Diverse Gemüse- und Salatsorten incl. überbrühter Spinat und überbrühter Löwenzahn, sowie junge Erbsen, gekochte Maiskörer und Laub (Buche, Eiche) dienen als geeignete Ergänzung und sind in nicht nur Artaquarien sinnvoll. So eine Zufütterung schiebt den Zeitpunkt bis zur vollständigen Entpflanzung des Aquariums hinaus.

1999 habe ich die Tiere auf einer Zierfischbörse angeboten. Die späteren Reaktionen von Käufern (auch Vereinsmitgliedern) führten dazu, daß ich es nicht wieder tat: Übliche Gesellschaftsaquarien sind zur Haltung nicht geeignet. Die Schönheit veranlaßte jedoch Käufer wider besseres Wissen und trotz intensiver Beratung, es trotzdem zu versuchen. Ich konnte die Abgabe (außer an ausgewiesene Wirbellosenfreunde) nicht mehr verantworten.

Marisas werden zur Zeit von einem großen Online-Händler als pflegeleichte Bewohner für jedes Aquarium verkauft (als besonders hübsche Angehörige derselben Gattung wie die Posthornschnecken). Auf meine Info 2004 ("Pflanzenkiller") reagierte er empört und betonte, daß er durchaus wisse, was er da empfiehlt, bei ihm fräßen sie keine Pflanzen. Sein 'Gesellschaftsaquarium' faßt 500 l, ist bepflanzt und wird zur Zucht von Marisas zusammen mit Süßwassergarnelen genutzt. Meine Meinung: Das Futter, das die Garnelen gedeihen läßt hält auch die Schnecken fit und zuchtfreudig, und außerdem wird die Schneckenpopulation durch regelmäßige Verkäufe an Aquarianer mit Gesellschaftsaquarium ausreichend ausgedünnt. Als Zuchtaquarium für Garnelen und Marisas ist zudem die Wasserqualität immer super. So überleben sogar Pflanzen! Einwände von ahnungslosen, miesepetrigen Aquarianerinnen kann er deshalb getrost ignorieren ... findet er.

 

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Angelesenes

In den AqualogNEWS no.19 stieß ich eineinhalb Jahre nach ihrer Ankunft zufällig auf ein Foto gestreifter Schnecken und hatte endlich einen Namen! Dort war er mit Marisa rotula angegeben, ein jüngeres Synonym von Marisa cornuarietis (Linnaeus, 1758), ein weiteres Synonym ist Marisa chiquitensis. Ursprünglich beschrieben wurde die Gattung Marisa von Gray 1824 mit Marisa intermedia als Typusart - auch das ein weiterer Name für Marisa cornuarietis. Als englische Bezeichnungen fand ich Giant Ramshorn, Colombian Ramshorn, Stripehorn und Goldenhorn Marissa, als weitere (ungültige) lateinische Bezeichnungen Ampullaria cornuarietis [8] und Ceratodes cornuarietis. Deutsche Namen sind Paradies-Schnecke, Brasilianische Streifenschnecke, Gelbe Paradiesschnecke, südamerikanische Posthornschneckeoder gestreifte Posthorn-Deckelschnecke.

Die Heimatgewässer dieser Tiere liegen in den flachen Gebieten des Nordens von Südamerika, den angrenzenden Gebieten Mittelamerikas und auf einigen Karibischen Inseln (Trinidad, Costa Rica, Tobago).

Die aktuelle Nomenklatur gibt allen Apfelschnecken[20] den Familiennamen AMPULLARIIDAE (vorher wurde häufig PILIDAE benutzt, Ampullaria in Artnamen). Bekannte Gattungen der neuen Welt sind Marisa und Pomacea, eine afrikanisch/asiatische Gattung ist Pila. Allein die Gattung Marisa hat ein diskusförmigen Gehäuse, die anderen sind eher kegelförmig und erinnern an Weinbergschnecken. Die knallgelben, in unseren Aquarien verbreiteten Tiere sind meist Pomacea bridgesii (englisch Spiketopped Apple Snail, Mystery Snail) und stammen aus Südamerika. Pomacea bridgesii ist m.W. die einzige Apfelschnecke, die gefahrlos mit Pflanzen zusammen gepflegt werden kann. 

Ähnlichkeiten mit einheimischen und verbreiteten Posthornschnecken beschränken sich allein auf die Gehäuseform. Die bekannteste  Posthornschnecke ist  Planorbis corneus  (Familie: Tellerschnecken PLANORBIDAE, Ordnung: Wasserlungenschnecken).

Alle Apfelschnecken leben nur in den Tropen über alle Kontinente verteilt. Temperaturen unter 18°C und salzhaltiges Wasser schränken die Vermehrungsrate speziell bei Marisa erheblich ein, 8°C und weniger überleben sie nicht.

Altweltarten haben einen kalkigen Deckel (Operculum), Neuweltarten einen hornigen. Gemeinsam ist ihnen die besondere Größe (Marisa cornuarietis erreicht fast 6 cm Gehäusedurchmesser, meine größten entsprechen etwa einen Zweimarkstück), sowie die beiden Atemsysteme: Sie haben Kiemen und eine Lunge, die Mantelhöhle ist deshalb geteilt. Äußere Gemeinsamkeiten der Apfelschnecken sind ihr breiter Fuß und die beiden Fühlerpare, die sie von den üblicherweise einpaarigen anderen Wassserschecken unterscheiden. Ursprünglich sind sie Wasserschnecken, jedoch trocken zu bestimmten Jahreszeiten ihre Heimatgewässer aus. Das hat vermutlich die Lungenentwicklung hervorgerufen. Bis auf Marisa laichen die Mitglieder der Familie außerhalb des Wassers und bauen sog. "Kalknester", sehr stabile Wabengebilde. Als Lebewesen flacher, sauerstoffarmer Gewässer brauchen Apfelschneckenarten Zugang zur Wasseroberfläche, um im Abstand von jeweils wenigen Stunden mit pumpenden Bewegungen Luft aufzunehmen. Marisas brauchen das seltener als z.B. Pomacea und pumpen nicht so stark. Ihr Atemrohr (Siphon) liegt auf der stärker profilierten, dunkleren Gehäuseseite. Der Siphon ist ursprünglich eine Falte des Mantelrandes und liegt meist links, der bis zu 3 cm lange Penis rechts.

Die Familie AMPULLARIIDAE ist Teil der Ordnung der Kammkiemer (MONOTOCARDIA, die z.B. Turmdeckelschnecken, THIARIDAE beeinhaltet) und gehört damit zur Unterklasse der Vorderkiemer (PROSOBRACHIA), die Meeres-, aber auch Süßwasserschnecken (u.a. unsere heimischen Sumpfdeckelschnecken) umfaßt. Gemeinsam ist allen die Getrenntgeschlechtlichkeit und ein Deckel. Die Gehäuseform läßt an eine enge Verwandtschaft mit Posthornschnecken denken. Das trifft nicht zu. Posthornschnecken sind Wasserlungenschnecken (= Ordnung BASOMMATOPHORA; Unterklasse EUTHYNEUREA). Alle Schnecken sind der Klasse GASTOPODA zugeordnet[17].

Am "Institut für Spezielle Zoologie und Vergleichende Embryologie" [9] existiert ein Forschungsprojekt, bei dem die Tauglichkeit von Vorderkiemern, u.a. auch Marisa, als Bioindikatoren für TBT (Tributylzinn) getestet wird. Diese Chemikalie ist in Antibewuchsfarben für Schiffe enthalten, als Konservierungsstoff in Holz und Textilien etc. im Einsatz und eines der gefährlichsten je vom Menschen hergestellten Gifte. TBT verändert die Fortpflanzungsorgane der Forschungsobjekte, so wachsen bei bestimmten Arten den Weibchen männliche Organe (Imposex).

Bedingt durch die Größe sind  AMPULLARIIDAE in ihrer Heimat willkommene Lebensmittel und werden oft roh gegessen. Darin liegt eine große Gefahr, denn viele Altweltarten übertragen für den Menschen gefährliche Krankheiten (Trematoden, bzw. Schistosoma haematobium -> Bilharziose zum Beispiel). Marisa und andere Neuweltarten tun das nicht, so daß wohlmeinende Zeitgenossen versucht haben, die Tiere in der Alten Welt populär zu machen und einheimische Arten zu verdrängen. Speziell in Thailand sollte Marisa z.B. gegen Pila ampulacea antreten. Das mißlang, denn sie schmeckten der Bevölkerung nicht, wurden in den Kanälen von Bangkok ausgesetzt und mähen jetzt die submerse Flora. Vergleichbare Berichte gibt es von den "gelben Riesen" Pomacea spec. aus anderen Gebieten Asiens und von Hawaii, dort sind die Einwanderer statt zu einem Schlager auf dem menschlichen Speisezettel zu einer Plage der Reisfelder geworden ("apple snail pest"). Sie schädigen die Pflanzen durch eine in ihrer amphibischen Natur begründete Eigenart, denn Apfelschnecken verlassen ab und zu das Wasser auf der Suche nach Futter und befestigen ihre harten Gelege an Stengeln oberhalb der Wasseroberfläche. In der aquaristischen Literatur wird empfohlen, sie nur in geschlossenen Becken zu pflegen. Meine Gestreiften verlangen keine solchen Vorkehrungen, ich habe noch nie ein Exemplar bei Fluchtversuchen ertappt.

Die umfangreichsten Berichte zu Marisa cornuarietis fand ich im Zusammenhang mit Faunenverfälschung in Florida. Ende der 50er Jahre wohl von einem verärgten Aquarianer ausgesetzt oder einem Händler entkommen fanden sie sich bald in allen einigermaßen sauberen, auch den leicht brackigen Kanälen Miamis. Zeitweise sollten sie zudem im Auftrag von Hausbesitzern und deren Organisationen in Teichen und Kanälen ein anderes eingeschlepptes Problem beseitigen - Grundnessel (Hydrilla verticillata) und Wasserhyazinthen (Eichhornia crassipes aus Brasilien, die z.B. auch im ostafrikanischen Malawisee heimisch und zum Problem wurden).

Die Folgen sind fatal - nicht nur diese Pflanzen, sondern auch einheimische Arten werden gefressen, wo Marisa lebt ist die submerse Flora vernichtet. Große Populationen von Fischen, Insekten und anderen Wassertieren sind geschädigt, denen nach der Schneckeninvasion Laich- und Versteckplätze fehlen. Marisa verbreitet sich deshalb so schnell, weil die stabilen Laichballen sich leicht losreißen und intakt mit der Strömung weitergetrieben werden.

Der Everglades-Nationalpark im Norden Floridas wurde 1971 erreicht, über Schäden ist mir nichts bekannt. Vielleicht (hoffentlich) begrenzt das salzige Wasser die Ausbreitung.

Positive Berichte zum Einsatz von Marisa als biologischer Schädlingsbekämpfer gibt es aus Puerto Rico. Marisa cornuarietis frißt sowohl Futter als auch Eier der lokalen Biomphalaria-Schneckenarten und hilft so bei der Bilharziose-Prävention [12]. Außerdem wird Marisa von der Bevölkerung gegessen. Über die Schäden an der Vegetation, die sie zweifellos anrichtet konnte ich keine Daten finden. Aber sie frißt Wasserhyazinthen (Eichhomia crassipes), die sich seid Beginn des 20. Jahrhunderts von Südamerika ausgehend auf tropischen und subtropischen Gewässern verbreitet hat und die einheimische Flora erstickt [16].

Und als Futtertiere eignen sie sich auch: Das Aquarium im Kölner Zoo teilte mir auf Anfrage mit, daß sie "Marisa rotula" seit 1978 als Nahrung für Lungenfische züchten.

 

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Es grünt wieder ...

2001 beschloß ich, die Schneckenanzahl zu reduzieren und bot sie Wirbellosenfreunden[15] zum Tausch an. Viele Tiere sind damals umgezogen - einige sogar quer durch Deutschland und in die Niederlande. Das Aquarium wirkte schon nach der ersten Auswandererwelle sofort sauberer, außerdem wuchsen plötzlich wieder Pflanzen. Hoffnung machte mir vor allem ein einzelnes Exemplar, das sich in mein 54l-Aquarium geschlichen hatte. Dieses Becken war seit Monaten marisafrei - dachte ich. Pflanzenschäden waren mir zuvor nicht aufgefallen.

Dennoch – Hoffnung und Pflanzenwuchs hielten sich nicht lange, auch bei artgerechter, reichlicher Zufütterung nicht: Dadurch vermehren sich die Schnecken um so rasanter, in Pflanzendickichten verbergen sich Gelege und Jungschnecken, werden beim Absammeln übersehen; und irgendwann beginnt alles wieder von vorne. Bei maximal 2-3 Exemplaren in etwa 200 l Wasser halten sich die Pflanzenschäden meist längerfristig in tolerierbaren Grenzen, wenn das Aquarium mit weniger schmackhaften Arten eingerichtet ist. Absammeln ist keine Lösung - welcher Aquarianer hat schon Freude daran, seine Nachzuchterfolge umzubringen? Und wem macht es Freude, zur Populationskontrolle nur Männchen oder Einzelexemplare zu halten?

Bitterstoffhaltige oder harte Pflanzen sind kein Fraß-Hindernis, sie haben nur etwas mehr Zeit bis zur Vernichtung. Je besser Pflanzen eingewöhnt sind, desto länger dauert es bis zum unvermeidlichen Marisa-Festessen. Die besten Chancen haben nach meiner Erfahrung Aponogeton-Arten und Cryptocorynen. Die als barschresistent geltenden Vallisnerien sind eines der ersten Opfer, die Blätter werden direkt über dem Bodengrund abgefräst und wachsen dann nicht mehr nach.

Tierische Mitbewohner, die langsam oder bewegungsunfähig sind (z.B. Garnelen während der Häutung oder kranke Fische) sind unbedingt gefährdet - gefressen wird alles, was nicht schnell genug flüchten kann. Der Grad der Gefährdung hängt von der Zufütterung ab.

Häufig erhalte ich Anfragen von Aquarianern, die auf einen wirksamen Feind ihrer Algen hoffen. Davor warne ich, denn Pflanzen bleiben selbst beim Absammeln des Laichs und Populationskontrolle auf Dauer nicht unbeschädigt. Wer kein pflanzenloses Aquarium möchte, sollte besser auf die Haltung der ansprechenden Tiere verzichten - oder Artbecken anlegen und selbst etwas experimentieren. 80% aller Anfragen werden denn auch zurückgezogen.

Meine Population ist im November 2004 ausgestrorben. Warum, weiß ich nicht. Im letzten Jahr erhielten sie sehr wenig Aufmerksamkeit, weil mich das schäbige Aussehen des Haltungsaquariums ärgerte. Vieleicht war die Nahrung zu einseitig, oder die Fische erwiesen sich doch als zu agressiv, die 'genoppten Turmdeckelschnecken' wurden zu Nahrungskonkurrenten ... ich weiß es nicht. Bei einer Bestandszählung fand ich nur noch einen einzelnen Herren mit ca. 1 cm Gehäusedurchmesser, den ich umsetzte. Das vertrug er nicht. Schade ist es, aber das neu bepflanzte Aquarium macht mir viel Freude.

Schneckenpflege ist ein sehr interessantes, aber vernachlässigtes Gebiet der Aquaristik und ermöglicht völlig neue Sichtweisen und interessante Erkenntnisse. Aber nicht jede Schnecke ist problemlos. Speziell diese ist kein Tier für Einsteiger. Andere Wirbellosenfreunde bestätigten meine Erfahrungen.

 

Literatur, Anmerkungen, Bilder und Links

[1] AqualogNEWS No. 19, A.C.S.-Verlag ) - der Autor der Bildunterschrift hat Humor -  "Hauptfigur" ist eine kleine Schlammschnecke, die auf dem Gehäuse einer als Marisa rotula bezeichneten Schnecke sitzt. Betont wird, daß sich die Schlammschnecke hin und wieder an Pflanzen vergreift ... <g>! 
[2]Englischsprachige QuelleMcCann Book Chapter 4
[3] VivariX Schnecken-FAQ, betreut von Stephan Pflume
[4]Englischsprachige QuelleFreshwater Snails of Florida Identification Manual - This World Wide Web fieldguide is an on-line version of the long out-of-print (hardcopy) edition that appeared in 1984 under the title: The Freshwater Snails of Florida, A Manual for Identification. University Presses of Florida. A revised edition is being prepared and will be on the WWW in the future - Der Link ist nur über eine Wayback-Machine (http://web.archive.org) zugänglich, weil nicht mehr existent.
[5]Englischsprachige QuelleImpacts of Introduced Species in the United States http://gcrio.gcrio.org/CONSEQUENCES/vol2no2/article2.html - nicht mehr online
[6] Das könnte auch falsch sein, Zitat aus einer eMail von Klaus Tegelhuetter vom 6.11.98: "Ich habe vor Jahren mal mit dem Dr. Dittmar aus HH gesprochen. Er war damals gerade von einer Reise aus dem Pantanal zurückgekommen. Er berichtete von Riesen-Apfelschnecken, die in einem Wasser ohne irgendeine Härte leben. Es war ihm auch ein Wunder, womit diese ihr Gehäuse aufbauen. "
[7]Englischsprachige QuelleApple Snails ... das ist eine sehr gut gepflegte, immer aktuelle Seite.
[8] Ein Leitfaden für Leute, die Apfelschnecken im Aquarium oder Teich halten (Zusammenfasung von Stijn Ghesquieres Apfelschneckenseite auf Deutsch).
[9] Eric Cusimano, Straßenarbeiter des Süßwassers in Aqiarium live 6/98 - Ein so langer Artikel über Schnecken verdiente Begeisterung, aber dieser hat Schönheitsfehler: Die Recherchen über Marisa bzw. "Ampullaria cornuarietis" sind m.E. ungenügend und nicht aktuell.
[10] Institut für Spezielle Zoologie und Vergleichende Embryologie, Imposex (Pseudohermaphroditismus) und Intersex bei Prosobranchier, Uni Münster
[11] BILHARZIOSE – wichtige Informationen für Tropenreisende.
[12] Die beste Seite dazu warEnglischsprachige Quelle"Schistosomiasis Control" (http://www.path.cam.ac.uk/~tjs16/Background/Schisto.control.html), die aber leider nicht mehr online ist. Die AlternativeEnglischsprachige QuelleSpecies summary for Marisa cornuarietis (http://lionfish.ims.usm.edu/~musweb/nis/Marisa_cornuarietis.html) ist ebenfalls nicht mehr online. Die Informationen der beiden Seiten sind jetzt irgendwo aufEnglischsprachige QuelleNon-Native Aquatic Species in the Gulf of Mexico Region vergraben.
[13] MERGUS Aquarienatlas Band 1, 11. Auflage, Seite 964. Als Geschlechtsunterschied wird genannt: "Weibchen mit rundem, Männchen mit spitzem Fuß hinten". Das konnte ich nicht so eindeutig feststellen, meine Methoden sind einfacher IMO. - Das Foto dort ist eine Beleidigung für die Schönheit der Schnecken, aber trotzdem interessant, weil es ein Weibchen mit frischem Gelege zeigt.
[14] Schneckenseite von Andreas Karge, inzwischen eingestellt. Er betreibt jetzt Caridea, wo die bezogenen Informationen durch Kramen im Archiv zu Tage gefordert werden können.
[15]Arbeitsgemeinschaft Wirbellose Tiere der Binnengewässer
[15] DIE Apfelschnecke ... (... gibt es nicht)
[16]Englischsprachige Quellehttp://www.safishing.co.za/Main%20Pages/Partners/ecocare/ecocare-hyacinth.htm Water Hyacinth (Eichhomia crassipes) - ausführliche Beschreibung des weltweit schädlichsten Wasserunkrautes, leider nicht mehr online.
[17] Folgt der Klassifizierung derEnglischsprachige QuelleUniversity of Michigan Museum of Zoology .- urze Deutsche Übersicht auf Gastopoda.de: Klassifizierung
[18] gastropoda.de ist eine umfangreiche, gut gepflegte Seite über Süßwasserschnecken.
[19]Englischsprachige Quelle Fact Sheet for Marisa cornuarietis (Linnaeus, 1758) ist eine sehr systematische Zusammenstellung von Informationen zu Marisas und ihrer Biologie der Gulf States Marine Fisheries Commission.
[20] Eine allgemeine Info zu Apfelschnecken gibt's bei Wikipedia. Die Apfelschnecken (Ampullariidae) sind 2002 von Cazzaniga bearbeitet worden (Cazzaniga, N. J. [2002]: Old species and new concepts in the taxonomy of Pomacea [Gastropoda: Ampullariidae]. Biocell 26 [1]: 71–81.)

 

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Marisa cornuarietis bei der Vernichtung meiner Anubiasbestände.   Zwei weitere Marisa cornuarietis, Gehäusedeckel ist gut zu sehen.
     
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