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Das "Monster" Hydra sp. - selbst Herkules konnte es nicht allein bezwingen

( Anatomie | Fortpflanzung | Bekämpfung | Vorbeugung | Quellen )

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Skizze einer flutenden Hydra mit Ableger
Süßwasserpolypen (Hydra sp.) richten in Aquarien mit sehr kleinen Fischen und in Aufzuchtaquarien große Schäden an, deshalb sind sie unter "Schattenseiten" auf meiner Homepage eingeordnet. Aber spannende Mitbewohner sind sie doch und können in vielen Aquarien geduldet werden.

Die Hydra der griechischen Sage ist eine neunköpfige Sumpfschlange ("Lernäische Hydra") die Herkules in einer seiner 12 Aufgaben töten sollte. Aber immer, wenn er einen Kopf abschlug, wuchsen an seiner Stelle zwei neue. Hilfe kam von seinem Neffen Iolaos, der den Stumpf jedes abgeschlagenen Kopfes mit einer Fackel verbrannte und so das Nachwachsen verhinderte. - Diese namengebende Sage umschreibt die tatsächliche Regenerationsfähigkeit unserer Süßwasserpolypen nur sehr unzureichend.

In der aquaristischen und limnologischen Literatur weden meist folgende einheimische Arten besprochen: Hydra vulgaris bzw. Hydra sp. (Gemeiner oder Brauner Süßwasserpolyp), Chlorohydra viridissima (Grüne Hydra) und Pelmatohydra oligactis (Grauer Süßwasserpolyp, bis 25 cm lange Fangarme). Tatsächlich sind im Süßwasser 10 Gattungen mit 16 Arten bekannt, die aber nur der Fachmann anhand der Nesselkapseln genau unterscheiden kann. Eine Besonderheit ist der Keulenpolyp Cordylophora caspia, der erst vor etwa 150 Jahren aus dem Meer ins Süßwasser einwanderte und dessen "Ableger" sich nicht abschnüren.

Hydra sp. gehört zu den evolutionsgeschichtlich sehr alten Hohltieren (Coelenterata = "hohlschlundige") und unterhalb dieser zum Tierstamm Nesseltiere (Cnidaria). Die meisten Verwandten unserer Süßwasser-Hydren sind riffbildende Korallenpolypen des Meeres, die in Kolonien leben. Hydra kommen in fast allen nicht zu schnell fließenden Gewässern vor.

 

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Anatomie

Der Körperaufbau einer Hydra ist simpel: Es ist ein am unteren Ende mit einer Fußscheibe verschlossener Schlauch von meist bis zu 1 cm Länge; und am oberen Ende mit einer Mund- und gleichzeitig Ausscheidungsöffnung und darum gruppierten Tentakeln (4 - 20; ich habe bisher nur 6 oder 8 beobachtet). Die Form dieses Gebildes kann sehr unterschiedlich sein: Bei Gefahr zieht es sich zusammen, bis es beinahe einer Kugel ähnelt, für die Nahrungssuche macht es sich möglichst "lang" und streckt seine Fangarme aus.

Die Fußscheibe erlaubt dem Tier das Festsitzen auf einer beliebigen Unterlage, meist einer Pflanze. Standortwechsel sind bei Hydra häufig. Dazu lassen sich die Tiere einfach mit der Strömung treiben, oder sie wandern per "Purzelbaum": Das Tier setzt sein oberes Körperende mit der Mundöffnung auf den Untergrund, fixiert sich mittels Glutinanten (siehe unten), löst die Fußscheibe, setzt diese an andere Stelle wieder ab und das obere Körperende erneut auf usf. Manche Arten wandern nach der Art der Spannerraupen.

Der Körpersack ist eine schlauch- oder becherförmige Struktur mit Mundöffung am oberen Ende, umringt von Tentakeln. Sie besteht aus einer inneren Zellschicht, der Entodermis und einer äußeren, der Epidermis. Beide enthalten Muskel- und Nervenzellen und werden vom einer stützenden Gallertschicht, dem Mesogloea getrennt. Der Körper der eng verandten Quallen besteht z.B. hauptsächlich aus Mesogloea-Gewebe.
Die Verarbeitung von Nahrung geschieht in diesem Körpersack, mit Hilfe der Entodermzellen. Jede einzelne Entodermzelle nimmt während der Nahrungsverarbeitung verschiedene Phasen ein: Zunächst produziert sie zerkleinerndes Sekret und stößt es aus, resorbiert die dabei entstehende, nahrungsteilchen-haltige Flüssigkeit wieder und zerlegt sie chemisch in ihre Grundbestandteile (intrazelluläre Verdauung). Die Reste des Futtertieres werden durch die Mundöffnung ausgestoßen.

Die Fangarme dienen zum Einfangen, Festhalten und Zuführen der Beute zur Mundöffnung. "Beute" sind meist Kleinkrebse oder winzige Jungfische bis hin zur eigenen Körpergröße - der Körpersack ist so variabel, daß er sich den Form der Beute anpassen kann. Im Aquarium werden auch Futterreste und besonders gerne Artemia und kleine Jungfische genommen. Von Beutetieren oder Freßfeinden abgerissene Fangarme werden vollständig neu gebildet.

Für die sprichwörtliche Regenerationsfähigkeit einer Hydra sind die interstitiellen Zellen verantwortlich. Sie liegen zwischen den Zellen der Epidermis des Körperschlauches und sind noch keiner speziellen Aufgabe zugewiesen. Aus ihnen werden alle Zellen gebildet, die ersetzt oder neu angelegt werden müssen - neue Körperzellen jeder Art bei einer Regeneration fehlender Teile, außerdem alle für die Fortpflanzung notwendigen Zellen (inclusive des Nährstoffvorrates im Ei bei der geschlechtlichen Vermehrung, der aus Zellen mit sehr reduziertem Kern besteht) oder neue Nesselzellen. Es genügen winzige intakte Zellverbände, um daraus innerhalb von 1-2 Tagen ein vollständiges neues Tier mit richtiger Symetrie und Fangarmzahl wachsen zu lassen. Deswegen ist einer Hydra-Plage mit mechanischen Mitteln nicht beizukommen.

Namengebend für den Tierstamm der Nesseltiere (Cnidaria) sind die Nesselzellen (Cnidocyten). Sie befinden sich vorwiegend an den Fangarmen, aber auch am ganzen Körper verteilt. An ihnen ist es für den Fachmann möglich, die einzelnen Hyda-Arten zu unterscheiden. Zwar besitzen alle ein feines Härchen als Sensor, aber das Funktionsprinip ist unterschiedlich:
· Penetranten (Durchschlagkapseln) durchschlagen selbst den Panzer von Kleinkrebsen und lähmen das Opfer mit dem giftigen Inhalt der Nesselzelle - die häufigste Nesselvariante, durch die sich bei vermehrtem Auftreten auch größere Fische belästigt fühlen,
· Glutinanten (Klebkapseln) enthalten ein klebriges Sekret und dienen hauptsächlich der Fortbewegung mittels "Überschlag",
· Volventen (Wickelkapseln) umwickeln die Beute.
Explodierte Nesselkapseln sind nicht wiederverwendbar.

Eine spezielle Ernährungsweise hat Chlorohydra viridissima (Grüne Hydra) entwickelt: Diese Art lebt in einer Symbiose mit einzelligen Grünalgen (Zoochlorellen). Die Algen geben ihre Photosyntheseprodukte (Kohlenhydrate und Sauerstoff) an den Polypen ab und erhalten dafür Verdauungsreste, die sonst ausgeschieden würden und so etwas wie Pflanzendünger (Phosphate, Sticksoffverbindungen) sind. Bei Nährstoffmangel werden die Algen verdaut und ggf. wieder aus dem Wasser aufgenommen. Nach neueren Autoren jagen grüne Hydren nicht, sie ernähren sich bei ausreichendem Licht von den Chlorellen, so daß keine echte Symbiose stattfindet. - Abraham Trembley untersuchte 1740 als erster die grüne Hydra und konnte sich nicht entscheiden, ob er ein Tier oder eine Pflanze vor sich hatte. Er fand nach eingehender Untersuchung den Vergleich mit dem Monster der griechischen Sage passend und Linneaus folgte ihm 1758 bei der Namensgebung der Gattung darin.

 

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Fortpflanzung

Geschlechtlich: Süßwasser-Polypen pflanzen sich nur zu bestimmten Zeiten geschlechtlich fort, vor allem bei Nahrungsmagel. Dazu bilden die interstitiellen Zellen im oberen Drittel eines Tieres spermagefüllte Hoden aus, im unteren Drittel ein Ovarium mit einer Eizelle und einer weniger geschützen Stelle/Verbindung zum Wasser, damit Spermien eindringen können. Beides kann an einem Tier gleichzeitig entstehen, dann sind meist die Spermien eher reif. Befruchtete Eizellen werden vom Tier entlassenent lassen und entweder aktiv auf einer Unterlage angeheftet, oder bleiben aufgrund der rauhen Struktur der Eihülle selbst schnell haften. Aus dem Ei schlüpft eine vollständige neue Hydra, es gibt kein Larvenstadium. Die Reifezeit eines Eies kann Monate betragen, Durchfrieren oder Austrocken schadet nicht. Im Ei einer grünen Hydra sind Chlorellen enthalten.
Bei den meisten Hohltieren gibt es für die geschlechtliche Fortpflanzung eine Medusenform, bei Hydra fehlt sie.

Ungeschlechtlich: Das ist die besonders in nahrungsreichen Zeiten praktizierte Methode mit einer oberflächlichen Ähnlichkeit zu Pflanzen: Den Polypen wachsen eine oder mehrere Knospen, die sich zu Zweigen mit Tentakeln entwickeln und schließlich als vollwertiges Tier abschnüren. Details dieser Knospung sind artspezifisch.

 

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Bekämpfung

Das ist selten wirklich nötig, denn in nicht überfütterten und gut gepflegten Haltungs-Aquarien werden Hydra nie zur Plage. Im Gegenteil: Aquarien ohne Hydra sind nach meinen Beobachtungen eher eine Ausnahme - nur bekommt der Besitzer selten etwas davon mit. Die Polypen vermehren sich vor allem dann stark, wenn die Fische häufig mit lebenden Plankton gefüttert werden.

Mechanisch durch abkratzen:
Die Zellreste sind immer groß genug für die Regeneration von Tieren.

Austrockenen der Aquarienutensilien:
Genügt nicht, sie schleichen sich u.U. immer wieder ein, Weg nicht immer nachvollziehbar. Entweder werden sie regelmäßig mit Lebendfutter/Tümpelfutter neu eingeschleppt (vielleicht sogar mit Frostfutter), oder befruchtete Eizellen sind sehr dauerhaft (Spekulation dieser Autorin). Warum auch nicht - wozu sollten Hydren sonst bei sich verschlechternden Bedingungen Eier bilden?

Biologisch lassen sich Hydren gut mit Labyrinthfischen, vor allem Honigfadenfischen bekämpfen. Das konnte ich selbst schon mehrfach beobachten. Sie verschwinden dadurch nie vollständig, aber werden im Verlaufe von einigen Tagen auf eine tolerierbare Anzahl reduziert. Das ist die von mir bevorzugte Methode. Daneben gibt es andere Fische, die Hydra fressen, z.B. Lebendgebärende und darunter vor allem Schwertträger (Xiphophorus helleri), wie auf Uja's Welt[9] erwähnt. Außerdem fressen möglicherweise Panzerwelse Hydra (Usenet Message-ID: <9mgs31$22t64$1@ID-84821.news.dfncis.de>).
Spitzschlammschnecken (Lymnaea stagnalis), die ab und zu mit Wasserpflanzen eingeschleppt werden, sollen ebenfalls Hydra fressen. Die häufig für Spitzschlammschnecken gehaltenen Blasenschnecke Physa marmorata, die viel öfter in Aquarien vorkommt, tut das nicht. Am einfachsten sind die beiden anhand ihres Laichs zu unterscheiden: Lymnaea hat Laichstränge, die Laichballen von Physa sind oval.

Pflegetechnische Methoden sind ebenfalls wirksam. Am effektivsten ist es, für einige Zeit nicht mehr zu füttern, denn Hydra-Plagen entwickeln sich immer dann, wenn reichlich Nahrung zur Verfügung steht. Das ist in Aufzuchtbecken der Normalfall, weshalb Aushungern hier nicht in Frage kommt. In einem meiner Aquarien gab es im April 2001 eine Plage, weil ich darin Welse u.a. mit dekapsulierten Artemia aufpäppelte. Was für Fische besonders nahrhaft ist, freut niedere Tiere ganz genau so.

Kochen heißt auch "Wiener Methode". Dafür müssen alle Fische herausgefangen und das Aquarium bei guter Durchlüftung für einige Zeit auf 42°C aufgeheizt werden [7].

Chemische Bekämpfung schadet auch den Mitbewohnern. Häufig werden hierfür kupferhaltige Medikamente (vor allem solche zur Schneckenbekämpfung) empfohlen, auf die Welse und Wirbellose ebenfalls empfindlich reagieren.
Wenn es denn wirklich die vollständige Vernichtung sein soll, dann empfehle ich diese, zufällig im Rahmen einer erfolglosen Behandlung gegen Fräskopfwürmer entdeckte Methode, von deren Wirkung ich mich bei grünen Hydra überzeugen konnte: Flubendazol (Flubenol 5% / 2g je 100 l Aquarienwasser). Zuvor reichlich vorhandene Hydra kamen in diesem Aquarium nie wieder vor, außerdem gingen 95% aller Schnecken ein. Fräskopfwürmer und Fische überlebten vollständig. Aber Vorsicht: Das Mittel löst sich sehr schlecht in Wasser und organischen Lösungsmitteln, es bleibt teilweise auf dem Boden liegen und tötet Wirbellose auch noch nach Monaten [10].

 

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Vorbeugung

Dazu konnte ich keinerlei Informationen finden. Evtl. ist ein "osmotischer Schock" hilfreich - d.h. befallene oder neu gekaufte Pflanzen, Utensilien und Dekoration erst einmal einige Minuten lang in einer Alaunlösung zu spülen (5-10 g Alaun je Liter Wasser). Diese Lösung soll auf jeden Fall gegen Pflanzen anhaftenden Stadien diverser Ektoparasiten helfen.

Die Besiedelung eines Aquariums ist wohl nur unter Verzicht auf Lebendfutter zu verhindern. Vielleicht bleiben sogar in Frostfutter genug Gewebestücke oder Eier für die Regeneration kompletter Exemplare intakt? Klaus Dreymann[5] vermutet Artemia-Eier als mögliche Überträger. Die Fotos seiner unerwünschten Mitbewohner unterscheiden sich jedenfalls deutlich von allen Hydren, die ich bisher in Büchern über einheimische Arten und "live" gesehen habe (u.a. anderes Verhältnis Rumpflänge/Rumpfstärke/Tetakellänge bei Ablegern).

 

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Quellen

[1] MERGUS Gartenteich-Atlas 2. Auflage 1997
[2] Was lebt in Tümpel, Bach und Weiher?, Wolfgang Engelhardt, 13. Auflage 1989
[3] englischsprachiger Text Adrian R. Tappin: Hydra - a little Aquarium Monster - fundierte Beschreibung und Vorstellung mehrerer Möglichkeiten der Bekämpfung.
[4] Der Süßwasserpolyp, mit riesiger Linksammlung zum Thema "Hydra" und ausführlichen Erläuterungen zur Anatomie und Fortpflanzung, mit vielen Zeichnungen.
[5] Süßwasserpolypen auf den Seiten der Welsfreunde - zur Hartnäckigkeit und Überlebensfähigkeit dieser Mini-Monster.
[6] Pelmato-, Chloro-, Hydra spec.
[7] Hydra-FAQ
[8] Ein Polyp sorgt für Wirbel (Regenerations-Gen gefunden)
[9] Uja's Welt erzählt Geschichten vorwiegend vom Schwertträger und berichtet von Nebenschauplätzen.
[10] Resistenzen und andere Probleme ..., Dr. Petra Kölle, Rudolf Hoffmann; DATZ Ausgabe 1996/10, Seite 662 - Grundwissen zum Thema "Verschreibungspflichtige Medikamente"
[11] Bekämpfung mit Formalin nach einer Information von Herrn Armin Kühne: "Auf 100 l Wasser 4 ml Formalin (35-38 %). Hilft ganz sicher. Apfel- und Turmdeckelschnecken werden davon nicht berührt. Bei dreifacher Anwendung in einer erhöhter Dosis (6 ml/100 l Wasser) gegen Dactylogyrus starb ein Teil der Apfelschnecken, kleinere alle. Bei mir z.Z. einquartierte erwachsene Procambarus alleni haben die Kur gut überstanden." Eine geringere Dosis als 4 ml / je 100 L Aquarienwasser tötet Hydra nicht.
[12] Unsere Süßwasserpolypen, Prof. Dr. Erich Männer, A. Ziemsen Verlag Wittenberg 1954

 

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